22.10.2010

Anita am Rio Chambira. Wie ihre 11. Geburt beinahe ihren Tod bedeutet hätte

Immer wieder betonen wir in unseren MITTEILUNGEN den Schwerpunkt unserer Arbeit in den Projekten: Es geht um “Hilfe zur Selbsthilfe”, die Ausbildung der Promotoren und um Prävention von Erkrankungen. Aber immer wieder kommt es auch zu besonderen Notfällen, in denen das gesamte Wissen und die gesamte Heilkunst unserer  Ärzte gefordert wird und wo wir- mit den bescheidenen Mitteln, die wir vor Ort haben- ein Leben retten können. So auch in diesem Fall, den unser Arzt Daniel Peter am 20. Oktober berichtet.

 

Über Anita, ihre 11. Geburt und viele glücklichen Umstände

 

Bericht von Daniel Peter

 

Wir hätten gerne die Gemeinden des Flusses Pucayacu besucht. Bereits seit Monaten jedoch ist der Wasserspiegel des Chambira und seiner Seitenarme so niedrig, dass Flussfahrten nahezu unmöglich sind. Selbst der grosse Marañon ist zu einer schwer befahrbaren Rinne geworden, auf der sich die Dampfer ihren Weg mit Hilfe vorausgeschickter Beiboote suchen müssen.

 

In der Nacht vom 19. auf den 20. Oktober wurde ich durch Klopfen an der Tür meiner Hütte geweckt. Ein Notfall! Zusammen mit meiner Freundin Susanne lief ich vor ins Untersuchungszimmer.

Wie selbstverständlich hatten unsere Arbeiter die Patientin, eine 40-jährige hochschwangere Frau -ihre 11. Geburt!- mit der Liege vom Steg in die Klink gebracht, wo bereits unsere Krankenschwestern, unsere Lehrerin Esther und unser Medizinstudent Nico versammelt waren, um zu helfen. Teamgefühl und  professionelle Zusammenarbeit, wann immer es die Situation erfordert, gehören mit zu den schönsten Erfahrungen in Tucunare.

Anita
Die Patientin wand sich unter Schmerzen auf der Liege. Bereits am Vormittag hatten die Wehen einge-setzt. Ein Ärmchen sei vorgefallen. Don Antonio hatte seine Frau Anita in ein Kanu gelegt und sich aus ihrem Dorf Nuevo Porvenir auf den langen Weg in die Klinik gemacht.

Leicht hätte es unterwegs zu einer vorzeitigen Ablösung des Mutter-kuchens oder einem Zerreißen der Gebärmutter mit sicherem Tod der Entbindenden kommen können. 

 

Die Untersuchung bestätigte den Armvorfall bei Querlage des bereits toten Feten. An eine Evakuation war nicht mehr zu denken. Der Hubschrauber kann nur tagsüber angefunkt werden und eine 14-stündige Fahrt ins nächste Krankenhaus mit unserem Boot hätte Anita nicht überlebt. 

So war es ein grosses Glück, dass meine Freundin Susanne, Fachäztin für Gynäkologie und Geburtshilfe, gerade zu Besuch war und ich über eine zweijährige Erfahrung als Assistenzarzt in der Geburtshilfe verfüge.

Erst seit kurzem haben wir in unserer Klinik Partusisten – ein wehenhemmendes Mittel -zur Verfügung,  extra aus Deutschland mitgebracht. (In 12 Jahren am Chambira hatten unsere Ärzte nie einen geburtshilflichen Notfall zu versorgen. Keiner der Vorgänger hatte bisher nach Partusisten verlangt. Zufall? Schicksal? Bestimmung? Anm. d. Red.). Die erreichte Wehenpause erlaubte die Wendung und schließlich Entwicklung des Kindes. Wenig später folgte die vollständige Plazenta. 

 

Das Team- glücklich über die Rettung der Mutter. Mit Anita und ihrem Ehemann.Unter breiter antibiotischer Abdeck- ung und Atonieprophylaxe als Schutz vor verstärkter Nachblutung konnten wir Anita im Morgengrauen auf unsere “Intensivstation” verlegen.

Heute, am zweiten postpartalen Tag, ist sie bei guter Gesundheit. 

 

In vierzehn Jahren FKI-Arbeit am Chambira war diese die dritte Entbindung. Nomalerweise gebären die Urarina alleine in kleinen, extra für die Geburt errichteten Hütten, über einer Grube in der Erde. Immer wieder erfahren wir von Frauen, die unter oder nach Geburt an Komplikationen verstorben sind. Nur langsam gelingt es uns ein Bewußtsein dafür zu schaffen, dass Geburtskompli-kationen  nicht zwangsläufig den Tod der Mutter bedeuten müssen. Ein Fall wie der von Anita wird dazu beitragen, Vertrauen in unsere Hilfe zu schaffen und vielleicht der einen oder anderen Frau am Chambira das Leben retten.   

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