03.09.2010

Famulatur am Chambira - der erste Eindruck

(von Nicolas Fink)

Nicolas Fink ist Medizinstudent kurz vor dem Examen. Seine Eltern sind seit Jahren im Vorstand der Indianerhilfe tätig und haben früher selbst in Peru am Rio Pichis für den FKI gearbeitet. Es lag also nahe, dass Nico die Gelegenheit nutzen wollte, das "neue" Projekt am Rio Chambira kennenzulernen und dort zu famulieren. Seine Freundin, Marie, begleitet ihn dabei. Sie ist Lehrerin und arbeitet im neuen Kindergarten. Hier schreibt Nico über die ersten Eindrücke...

Es ist Trockenzeit. Schon morgens um neun spürt man die drückend schwüle Luft und ahnt, dass auch dieser Tag wieder sehr, sehr warm wird. Um die Mittagszeit brennt die Sonne herunter und lässt jede Bewegung in Schweißausbrüche ausarten. Selbst das Liegen in der Hängematte zur Siestazeit bringt nicht die erhoffte Abkühlung. Man hat uns gesagt, wir werden uns mit der Zeit daran gewöhnen – „a ver.....“ Erst ab fünf Uhr nachmittags fängt es an, kühler zu werden, auch weil dann die Bäume um die Klinik herum ihre langen Schatten werfen.
Mit ein paar kleinen Ausnahmen hat es seit unserer Ankunft vor zehn Tagen nicht richtig geregnet. Es kam zwar mal ein bisschen Wasser vom Himmel, aber das war nicht der Rede wert und wird – wie von den Schwestern erklärt – auch nicht Regen genannt. Man kann fast täglich feststellen, wie der Wasserstand des Rio Chambira weiter sinkt und die Fahrten mit den motorisierten Booten nicht unerheblich erschwert. Die „palos“, umgestürzte Bäume von teils beachtlichen Ausmaßen, stellen die größte Gefahr dar. Teils ragen sie knapp über die Wasseroberfläche hinaus, teils liegen sie ein paar Zentimeter darunter und sind dann nur an den leichten Wasserverwirbelungen auszumachen.
Bis auf die Regentanks des neu gebauten Ärztehauses und dem mittleren Teil der Klinik, der auch mit einem Blechdach gedeckt ist, sind viele Tonnen leer.  Der 2500 Liter Wassertank des Kindergartens wartet nur darauf, zum ersten Mal richtig gefüllt zu werden, da erst vor kurzem die Arbeiten daran abgeschlossen wurden. Seine Aufgabe wird es sein, das neue, noch nie benutzte Toilettenhäuschen und die zwei Außenwaschbecken mit Wasser zu versorgen. Das neue ToilettenhäuschenDie letzten Ausbesserungsarbeiten wurden gerade heute von den „Trabajadores“ Ramón, Grimaldo und Irvin unter der Anleitung von Jan und mir fertiggestellt. Mit seinen zwei Kindertoiletten soll es hauptsächlich den Kindern des Albert-Schweizer Kindergartens zur Verfügung stehen. Zusätzlich gibt es noch zwei normale Toiletten einschließlich Dusche. 
In der Klinik ist es zurzeit eher ruhig. Den Erzählungen nach kommt das aber nicht ungelegen, da die letzten Monate eher Hochbetrieb war. Nun bleibt nebenbei ein bisschen mehr Zeit, um noch ausstehende Arbeiten zu vollenden (z.B. ein Trockenklo, Bericht folgt nach Fertigstellung), Erledigungen im Garten, etc. Hier und dort bleibt auch Zeit für sonntägliche Ausflüge.
So besuchten wir letzten Sonntag schon die Nachbar-Comunidad Dos de Mayo, um einer „Sesión de la Comunidad“ (Dorfversammlung) beizuwohnen. Sie fand in der Schule der Gemeinde statt. Teilgenommen haben hauptsächlich die Männer der Gemeinde, aber auch einige wenige Frauen fortgeschrittenen Alters. Die Kinder und die übrigen Frauen hielten sich aber stets nahe der Tür oder haben durch die Fenster reingeschaut und zugehört.
Es ging um alltägliche Dinge, wie die Planung verschiedener Hausbauten, aber auch um Grundsätzliches, wie zum Beispiel die Festlegung, ab welchem Alter Kinder zur Feldarbeit herangezogen werden können. Man einigte sich dabei übrigens ohne große Diskussionen auf 12 Jahre.
Des Weiteren stand noch die Wahl des „Jefe de la Comunidad“ an, sowie des „Presidente de la APAFA“, eine Art Vertreter der Eltern gegenüber dem Lehrer. Seine Aufgabe beschränkt sich insbesondere darauf, im Auge zu behalten, ob der Lehrer seine Arbeit macht oder überhaupt anwesend ist.
Als sehr interessant erwies sich noch der Tagesordnungspunkt der Zuziehenden und Wegziehenden „Comuneros“ (Dorfbewohner). Einer Familie, die in eine andere Comunidad zieht, wurden 5 Tage zugesprochen, um ihre Zelte abzubrechen. Die Frau dieser Familie ist dann überraschend vehement und lautstark aufgetreten, da ihr der Zeitraum als zu kurz bemessen erschien. Dies ist ein sehr untypisches Auftreten einer Urarinafrau, die sonst eher zurückhaltend und wortkarg erscheinen. Nach Rücksprache mit dem anwesenden Ehemann und der Gemeinschaft einigte man sich auf den 15. September als Stichtag. „Was passiert, wenn sie dann immer noch da sind?“, fragte einer. Die Antwort des Wortführers war einfach: der „Teniente“ (Repräsentant des Dorfes, Ortsvorsteher) und die Gemeinschaft werden sie dann wiederholt auffordern, bis sie gehen. Es gibt keine ausführende Gewalt (etwa Polizei) in der Gemeinde. Alles muss unter den Bewohnern geklärt werden.
Alles in allem eine sehr eindrucksvolle Erfahrung für Marie und mich als Neuankömmlinge, aber auch Jan hat neue Erkenntnisse mitgenommen.

Letzten Sonntag stand ein Fußballturnier auf dem Plan, zu dem die Klinik ganz offiziell mit Schreiben an den „Presidente del Club de Futbol de la Clínica Tucunare“ (also Jan) eingeladen wurde.
Also machte sich am 30. August eine „chalupa“ (kleines Motorboot) der Clinica Tucunare morgens um 9:30 auf den Weg nach Caimituyo, dem Gastgeber, zwei Comunidades weiter Flussaufwärts. Mit an Bord: als Spieler Don Ramón, Don Grimaldo und ich, als tatkräftige Unterstützung Marie, Emilia (Frau von Ramón), Nardita (Krankenschwester) und ihr Sohn Alexander, sowie das Kindermädchen. Schon auf der 1 ½ -stündigen Fahrt machten wir Bekanntschaft mit dem Rest unserer Mannschaft, den Spielern aus Pijuayal. Da sie mit einem Holzboot und Peque-Peque unterwegs waren und sehr tief im Wasser lagen, wurden kurzerhand noch drei Spieler zu uns umgeladen und wir fuhren, angetrieben von unserem stärkeren Außenborder, voraus.
Angekommen wurde erst die von einigen Spielern mitgebrachte peruanische Flagge gehisst, sich in der Comunidad orientiert und eine Schale Masato getrunken. In meinem Falle blieb es bei einer Portion dieses alkoholischen Yucca-Trunks.
Caimituyo ist eine relativ kleine Comunidad bestehend aus einem Fußballplatz in der Mitte umringt von Schulhaus, dem abschließbaren Schuppen für das Funkgerät und vier bis fünf Häusern in nächster Umgebung. Dazu kommen noch einige weiter im Wald liegende Gebäude.
Es wurden Spielerlisten jeder Mannschaft erstellt und es kam zur Zusammenstellung der Teilnahmegebühr: Materialien im Gegenwert von 50 Nuevo Soles pro Mannschaft. Im Namen der Klinik warfen wir ein Pfund Zucker und Reis, eine Dose Sardinen und eine Dose Früchte in den Topf. Wert 14 Soles. Das wurde aufgestockt mit Batterien (6 Soles) und Munition (die Hülse 3 Soles) durch die anderen Mitspieler. Insgesamt nahmen 4 Mannschaften teil: Dos de Mayo, Caimituyo 1, Caimituyo 2 und wir. Im Anschluss wurden die offiziellen Regeln des Campeonato verlesen: Gespielt wurde 7 gegen 7, fester Torwart, 2 mal 20 min, bei Gleichstand erst Verlängerung und dann 9 Meter-Schießen.
Die Kapitäne der Mannschaften mussten sich auf einen Schiedsrichter einigen und Spielen im alkoholisierten Zustand (estado etílico) war streng verboten. Dem Ausrichter standen 20%, dem Subcampeon 30% und dem Gewinner 50 % der Einsätze zu. Nun wurde gelost wer anfängt: wir pausierten erst, um anschließend gegen Caimituyo 1 zu spielen.
Bevor es los ging konnte sich jeder, auch Zuschauer und Begleiter, auf einer Liste eintragen, um mit Mittagessen versorgt zu werden. Es wurde mit aller Routine ein Feuer entfacht und in zwei großen Töpfen Kochbananen, Yucca und Fische, sowie ein Chosna zubereitet.
Im Hintergrund lief der Generator und versorgte die Stereoanlage mit Strom, die kontinuierlich vor sich hin dudelte.
Es war sehr beeindruckend zu sehen, mit welcher Hingabe und Organisation seitens der Gemeinde und der Teilnehmer dieses Amateur-Turnier einen Hauch von Professionalität aufkommen ließ.
Endlich konnten die Spiele beginnen. Wir traten in leuchtend gelben Brasilien-Shirts und blauen Hosen an, die an mir irgendwie zu klein aussahen. Es wurde teilweise barfuß oder in Struempfen aber auch mit Stollenschuhen gespielt, sofern man denn welche besaß. Der Platz war nicht gerade eine Ebene, man konnte den einen Strafraum auch eher als natürliche Senke beschreiben, aber die Bedingungen waren für alle gleich und manches Verspringen des Balles sorgte natürlich auch für Erheiterung auf den Rängen.

 Nachdem Dos de Mayo gegen Caimituyo 2 siegte, gewannen auch wir unser Spiel gegen Caimituyo 1 mit 2:0. Die Sonne brannte herunter und trug dazu bei, dass mein Körper für eine gefühlte Ewigkeit nicht mehr aufhören wollte zu schwitzen. Meine Mitspieler bescheinigten mir eine gesunde, rötliche Gesichtsfarbe und es blieb nichts anderes übrig, als im Schatten zu sitzen und Flüssigkeit aufzunehmen.
Jetzt war auch Zeit für eine Stärkung. Mit einem Bananenblatt ausgestattet konnte man sich seine Ration bei den Küchenfrauen abholen und sich die üppige Portion schmecken lassen... Zurück


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