07.12.2010

Auf Spurensuche in Cahuapanas: die alte Klinik des FKI und das Pichis-Projekt

von Marie Gobrecht


Durch die Familie meines Freundes Nicolas Fink kenne ich die Arbeit des FKI bereits seit Jahren. Seine Eltern, Dr. Sabine Fink und Werner Fleck, fahren regelmäßig zur Supervision an den Rio Pichis (und Pachitea), nachdem sie Ende der Achtziger vor Ort gearbeitet haben. Seit August sind Nico und ich selbst für den FKI im Projekt am Rio Chambira aktiv - er als Medizinstudent in der Klinik Tucunaré, ich als pädagogische Unterstützung im Kindergarten. Während einer zweiwöchigen Urlaubsreise nutzten wir die Gelegenheit, um den südlichen Teil der peuranischen Selva kennen zu lernen. Höhepunkt der Reise war ein Besuch in Cahuapanas, wo Nico mit seinen Eltern und älteren Brüdern vor 22 Jahren gelebt hat. Seitdem war er nicht mehr dort gewesen.


Aufgrund seines Alters – Nico war damals vier Jahre alt - kann er sich kaum an Personen oder Orte erinnern. Die Erzählungen seiner Familie und Fotos aus dieser Zeit vermischten sich über die Jahre mit seinen eigenen wenigen Kindheitserinnerungen. Also starten wir unsere Reise von Pucallpa aus mit einer Hand voll Namen zu vergessenen Gesichtern und Orten im Gepäck. Wir sind sehr gespannt auf welche Spuren wir stoßen werden.

Nach einer halben Tagesreise über staubige Strassen erreichen wir das beschauliche Puerto Inca, wo wir die Krankenschwester Herminia und ihren Mann Nelson Americano treffen. Sie ist seit langer Zeit für den FKi tätig und freut sich über den unerwarteten Besuch. Begeistert stellt sie uns allen Kollegen im Centro de Salud vor und führt uns durch die Räumlichkeiten. Da ihr Mann Lehrer ist, werden wir anschließend in der Sekundarschule von Puerto Inca vorgestellt. Als ich erwähne, dass ich Englischlehrerin sei, werde ich gleich eingeladen, mit einer Klasse auf Englisch zu kommunizieren. Die Schüler sind in ihrem ersten Lernjahr und freuen sich -  nachdem sich die erste Schüchternheit gelegt hat - sehr über unseren Besuch.

Unsere nächste Station flussaufwärts heißt Lorencillo, eine kleine Stadt am Rio Pichis, wo wir das Haus von Don Ricardo aufsuchen. Er hat jahrelang als Gesundheitshelfer (Promotor de Salud) für den FKI gearbeitet und fühlt sich auch heute noch verbunden mit dem Verein. Seine Familie nimmt uns herzlich auf und erzählt uns viel über die Veränderungen vor Ort. Gemeinsam besuchen wir am nächsten Tag das Dorf Cahuapanas. Im Gegensatz zu vor 22 Jahren ist es heute über eine holprige Strasse "bequem" mit dem Motocarro innerhalb einer halben Stunde zu erreichen.

Cahuapanas ist gewachsen. Alle Häuser haben Strom, viele eine Satellitenschüssel und einige wenige sogar ein Auto vor der Tür. Das ehemalige Klinikshaus steht noch und wird heute als Schulhaus genutzt. Direkt gegenüber befindet sich das alte Ärztehaus, in dem Nico mit seiner Familie über ein Jahr gelebt hat. Bei dessen Anblick kommen viele Kindheitserinnerungen hoch, zum Beispiel wie das Wohnhaus im Inneren aussah, wo sich die Chacra (=Pflanzung/Plantage) der Klinik befand, wie der damalige Hund hieß (Cachecere) und wo sich das ehemalige Nachbarhaus von Don Fidel und Dona Carmen, das vor einigen Jahren unglücklich abgebrannt ist, gestanden hat.

Wir merken, dass die Zeit ihre Spuren hinterlassen hat, sowohl an den Häusern, als auch an den Menschen, die darin leben oder lebten. Don Fidel ist vor einigen Jahren gestorben. Seine Frau Dona Carmen können wir leider nicht antreffen, da sie sich nach einem Sturz im Krankenhaus in Lima aufhält. Dafür treffen wir die Krankenschwester Nancy (die Tochter von Fidel und Carmen), die den Puesto de Salud in Cauhuapanas leitet und heute mit ihren Kindern im ehemaligen Ärztehaus wohnt. Auch Nancy arbeitete jahrelang für den FKI und hat viele Erinnerungen an den "kleinen" Nico. Sie war sichtlich erfreut über den spontanen Überraschungsbesuch und erzählt uns viel von damals sowie auch von der heutigen Situation vor Ort.
So, wie die FKI-Klinik damals, ist auch heute der Puesto de Salud Anlaufpunkt für die Menschen aus den umliegenden Dörfern. Trotz der besseren Verkehrsanbindung durch die Straße, erscheint der Ort aber gerade den peruanischen Ärzten zu abgelegen, um dort längere Zeit zu arbeiten (kaum einer hält es länger als ein Jahr aus). Nancy erzählt uns, dass die staatliche medizinische Versorgung durch den Gesundheitsposten heutzutage zwar mit einem hohen bürokratischen Aufwand verbunden ist, immerhin aber eine Grundversorgung gewährleistet werden kann. Ihren Schilderungen entnehmen wir außerdem, dass die ehemalige Klinik des FKI und die Ausbildung der Promotoren die Grundlage für das staatliche micro-red und den Gesundheitsposten waren.


Nicht nur in Cauhuapanas hat der FKI Spuren hinterlassen. Auf Reisen kamen wir immer wieder mit fremden Menschen ins Gespräch, die die Fundacion Alemana kennen, sich an die Ärzte erinnern oder sogar selbst Promotoren waren/sind. Mit vielen Geschichten aus der Vergangenheit und Gegenwart, die für uns jetzt mit den Gesichtern vieler fremder und nicht mehr fremder Menschen verknüpft sind, verlassen wir diesen Teil der Selva und machen uns auf die Rückreise an den Rio Chambira. Die neuen Eindrücke und die Spuren der Veränderung lassen uns Vergleiche ziehen zwischen den beiden Gebieten… Nicht nur der fortschreitende Ausbau des Gesundheitssystems ist auffällig - im Gegensatz zum Rio Pichis fehlt den meisten Menschen am Rio Chambira immernoch eine DNI und somit eine staatliche Krankenversicherung. Auch die mittlerweile unterschiedlichen Lebensweisen stechen (nicht nur positiv) ins Auge: Während die Urarina des Chambira noch sehr isoliert und abgelegen leben, sind die Gebiete des Pichis durch Straßen verbunden und ans Stromnetz angegliedert. Mit Schrecken bemerken wir auf der Fahrt, wie ausgedünnt der Urwald am Pichis erscheint. Immer wieder sieht man gerodete Flächen, die für die vielen Rinder genutzt werden. In Cauhuapanas berichten uns die Menschen, dass es kaum noch Tiere im Wald gibt. Auch die Flüsse sind leergefischt und aus verschiedenen Gründen verseucht. Wir wissen, dass den Rio Chambira früher oder später eine ähnliche Entwicklung einholen wird. Nur das Tempo, mit dem sich die Dinge verändern, scheint sich im Vergleich zu damals beschleunigt zu haben.

Auch auf der Suche nach einem Erinnerungsstück (eine handgewebte Tasche der Ashanikas) bemerken wir ein letztes Mal die Spuren der Zeit. Brachten Nicos Eltern früher regelmäßig diese Stofftaschen von ihren Reisen mit, so war es uns schwer möglich überhaupt eine einzige zu kaufen. Mit der veränderten Lebensweise gingen den Ashanikas auch Teile ihrer Kultur verloren. Auf Nachfragen stellen wir fest, dass die jungen Menschen kaum noch die Sprache ihrer Vorfahren sprechen. Eine Tatsache, die für die Urarina am Chambira im Moment undenkbar erscheint, aber die in einigen Generationen auch Realität werden könnte.

Besonders prägend auf unserer Reise war die Begegnung mit Roy, dem Sohn von Don Ricardo in Lorencillo. Er hat in Lima studiert und scheint sich sehr mit dem Problem des Kulturverlustes in Peru auseinanderzusetzen. Mit Begeisterung spielt er uns mehrfach die Nationalhymne in den verschiedensten peruanischen Sprachen vor: Ashanika, Aymara, Quechua u.v.a. Er fragt uns über das Leben der Urarina aus, von denen er bis dahin noch nie etwas gehört hat. Es freut uns, auf unserer Reise besonders junge Menschen wie ihn zu treffen, die sich über die schnell fortschreitende Entwicklung in Peru Gedanken machen. Sie scheinen ein Bewusstsein zu entwickeln für die Bedrohung der Vielfalt der Kulturen und des natürlichen Lebensraumes vieler Menschen.

Im Nachhinein erscheint mir unsere Reise viel mehr gewesen zu sein als ein Besuch in Nicos Kindheit oder bei guten Bekannten von Nicos Eltern. Ich kehre mit einem veränderten Blickwinkel an den Rio Chambira zurück. Irgendwie erscheint mir dieser Ort noch isolierter als zuvor, fast vergessen – oder eher noch: wie nicht entdeckt. Ich versuche mir vorzustellen, wie es wäre, wenn wir in 22 Jahren erneut hier her führen... es gelingt mir kaum! Eine Reise in die Vergangenheit ist anscheinend leichter als die in eine ungewisse Zukunft. Was bleibt ist die Gegenwart... also noch drei weitere Monate am Rio Chambira.

Zurück


Weitere News

Jahreshauptversammlung am 10.6.2017 in Bad Kissingen (29.05.2017)
mehr
Ein- und Ausgabenrechnung 2016 / Buchprüfung (25.05.2017)
mehr
Floßfahrt auf dem Chambira (27.03.2017)
mehr