30.07.2010

Leben und Umstände am Rio Chambira

von Dr. Jan Schnapauff

Um das Leben in einer Comunidad der Urarina zu schildern kann ich lediglich auf eine Beschreibung der Eindrücke zurückgreifen, die sich im Rahmen unserer kurzen Besuche während der Brigadas ergeben haben. Zweifelsohne wird man als Europäer in den Siedlungen der Urarina mit einer Lebensrealität konfrontiert, die mit unseren Maßstäben und Standards wenig bis gar nichts gemein hat.

Das fängt schon beim Dach über dem Kopf an. Die Mehrzahl der Urarina lebt in einer Art Hütte, die nach allen Seiten offen und nur von einem Palmdach gedeckt ist. Von einem Moskitonetz abgesehen, welches gelegentlich aufgehangen wird, kann von Privatsphäre keine Rede sein. Sanitäranlagen waren selbst in der größten Comunidad Santa Rosa de Siamba nicht vorhanden. Fließend Wasser bietet nur der Fluss, die Notdurft wird im Wald, auf der Wiese oder auch am Fluss verrichtet. Es gibt weder befestigte Wege noch eine feste Form von Grundriss, nach dem sich eine Communidad aufbaut. Gemeinsam haben alle lediglich die Ausrichtung entlang des Flussufers, einen Fußballplatz mit einem provisorischen Tor und ein kleines Schulgebäude, das manchmal auch geschlossene Wände hat. In manchen Comunidades wurde vom Ölförderunternehmen CEPSA ein festes Gebäude mit Blechdach und Betonfundament errichtet, doch dieser wetterfeste und stabile Bau wurde nicht in allen Comunidades benutzt, die wir besucht haben.
Schweine und Hühner laufen in der Regel frei umher, in manchen Comunidades auch kleine Äffchen, Papageien oder Ameisenbären, die entweder als Haustier gehalten werden oder später zum Verzehr dienen.

Eine Art von organisierter Landwirtschaft oder vorausschauender Planung zur Beschaffung des täglichen Mahls ist nur in Ansätzen erkennbar. Schweine und Hühner suchen sich ihr Futter selbst auf dem Gelände der Comunidad. Die Urarina-Männer gehen zum Jagen in den Wald, fischen auf dem Fluss oder bewirtschaften die „Chacra“. In den Chacras werden Kochbananen oder die kleinen und süßen Manzanabananen auf einer gerodeten Lichtung angepflanzt und dann so lange abgeerntet, bis das der Boden nichts mehr hergibt oder die Chacra vom Dschungel wieder verschluckt wird. Die sonst wichtigste Nutzpflanze ist die Yuccawurzel, die ursprünglich aus Südamerika stammt, in fast jeder Art von Boden wächst und wenig bis keiner Pflege bedarf. Die Wurzeln werden in mühevoller Arbeit aus dem Boden gezogen und können dann weiterverarbeitet werden. Vorräte können kaum angelegt werden, eine langfristige Zeitplanung ist kaum möglich, da jegliches Essen bei der hohen Luftfeuchtigkeit unweigerlich zu verschimmeln droht.
Der Lebensstil der Urarina ist vor allem einer der Jäger und Sammler. Dennoch besteht keine große Abwechslung in der Kost. Die Flüsse sind nicht mehr sonderlich fischreich, da bis vor 15 Jahren ein Ölunternehmen Schwermetalle in die Flüsse geleitet hat und sich die Fischbestände von dieser Umweltsünde bis heute nicht erholt haben.

Das Leben in den Communidades birgt auf den ersten Blick hinsichtlich der Freizeitgestaltung wenige Möglichkeiten. Neben dem Fußballspiel bietet sich der Genuss von Masato an. Der "Masato" ist das traditionelle Getränk der Urarinas. Für seine Herstellung wird Maniok (syn. Yucca), nachdem er zunächst gekocht wurde, von den Frauen zu einem Brei gekaut und dann in einen Behälter gespuckt. Die im Speichel enthaltenen Enzyme vergären den Brei zu einem alkoholischen Getränk, das nicht nur zu festlichen Anlässen, sondern auch morgens zum Frühstück genossen wird und gleichwohl eine Nahrungsgrundlage darstellt.

Wo sollte man auch hin? Nur mit dem Kanu könnte man über den Fluss eine andere Gemeinde erreichen. Ansonsten gibt es noch einige Trampelpfade in den Wald, die sich irgendwann im Dickicht der Lianen und Bäume verlieren. Da allenfalls einigen Bewohnern der Dörfer für ein paar Stunden in der Woche Strom aus einem Dieselgenerator zur Verfügung steht, gibt es kein elektrisches Licht. Wenn die Sonne untergeht, legt sich die Nacht wie ein schwarzes Tuch über das Dorf. und begrenzt den Einsatz der Taschenlampen und kostbaren Batterien auf die nötigsten Bedürfnisse.

Ich habe bisher keine genaue Vorstellung davon, wie die Dorfgemeinschaft innerhalb der Comunidades organisiert ist. Es gibt den Promotor de Salud, der bisweilen von der Comunidad zum Dienste des Gemeinwohls bestimmt oder abgestellt wird und den Teniente, eine Art Bürgermeister, der die Wortführerschaft übernehmen kann. Diese Amtspersonen können je nach Comunidad und Autorität eine öffentliche Funktion innehaben, die eine gewisse Richtung vorgibt.
Es gibt keine Polizei oder Ordnungsmacht. Man muss sich fragen, wer in dieser entlegenen Ecke die Gesetze Perus vertritt und durchsetzt. In Pionero hat uns ein Familienvater erzählt, dass sein Sohn und sein Enkel von Angehörigen des Nachbardorfes ermordet wurden. Auch von Vergewaltigungen ist schon berichtet worden. Über die Methoden mit denen die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden, lassen sich nur Vermutungen anstellen.

Die harten Lebensumstände und die unbarmherzige bis lebensfeindliche Realität des Dschungels fördern ein Lebensprinzip, in dem vor allem der Stärkere überlebt. Mütter mit Kleinkindern, die von den Ehemännern verlassen worden sind, vernachlässigen zum Teil ihre eigenen Nachkommen, um dem neuen Mann und Stiefvater gefällig zu sein. Dies führt bis zu schwersten Formen der Mangelernährung mit geringen Überlebenschancen für die Betroffenen. Eine Mutter stellte sich mit neuem Lebenspartner und der kaum zweijährigen Tochter in der Klinik vor, welche wohl schon seit Monaten nicht mehr richtig versorgt wurde und aufgrund der Mangelversorgung starke Ödeme entwickelt hatte. Unter langsamem Kostaufbau verzeichneten wir zunächst eine Besserung des Verlaufs unter Rückbildung der Wassereinlagerungen. Aufgrund der ungewohnten Kost bekam die Kleine jedoch Durchfall und nahm weiter ab. Mutter und Stiefvater lehnten daraufhin eine weitere Therapie aufgrund der Fehlannahme ab, dass unsere Maßnahmen das kleine Mädchen töten würden. In einer Nacht stahl sich die Familie mit ihrem Kanu davon, was das sichere Todesurteil für das Kind bedeutet haben dürfte.
Es wird auch für das Überleben verlassener Mütter wichtig sein, einen neuen und starken Mann zu finden, der sich für sie einsetzt. Dabei können Kuckuckskinder unter diesen harten Bedingungen vielmehr eine Bürde sein. Auch in Buena Vista sahen wir ein unterernährtes Kind mit aufgetriebenem Bauch, Fieber und Durchfällen, dessen Mutter ohne Mann und Beschützer jüngst in die Comunidad gezogen war. Wir räumen dem Kleinen allgemein geringe Überlebenschancen ein.

Wo wir so wenig über die Urarina wissen, müssen wir uns auch selbst häufig fragen, mit was für Menschen wir es zu tun haben. Zum Teil müssen wir die Menschen aufscheuchen und wachrütteln, wenn es um die Durchführung der Sprechstunden geht. Wir werden allgemein freundlich und mit großem Respekt behandelt, treffen aber gleichzeitig auf ein scheues und sehr zurückhaltendes Volk, über dessen Sitten und Gebräuche wir wenig wissen. Im Dialog zwischen Klinikpersonal und Urarina wird es unvermeidlich sein, dass es auch mal zu Missverständnissen kommt und sich der ein oder andere zurückgesetzt oder ungerecht behandelt fühlt.

Unter den gegebenen Umständen müssen wir auch unser eigenes Bild der Ureinwohner in Frage stellen. Die übervorteilende und romantische Legende des Indianerlebens im Einklang mit der Natur erscheint unter den gegebenen Umständen eher als eine Mär, die ihren Stoff aus den Sagen von Karl May oder Rudyard Kipling bezieht. Das Leben ist gefährlich und unerbittlich, überall lauern Gefahren und der Mensch ist auf sich alleine gestellt. Dschungel und Fluss bieten nicht die Nahrung im Überfluss, wie man es sich vorstellen könnte. Man lebt von der Hand in den Mund und der Ameisenbär wird für die nächste Mahlzeit im Suppentopf landen. Moderne Märchen wie der Fiktionsfilm Avatar bieten einen interessanten Kontrast zu den harten Realitäten des „Monte“ (=Urwald), würden die Bewohner dieses Flusses doch jeden wertvollen Baum für ein paar Batterien oder einen Kanister Benzin verscherbeln, die für sie einen ungleich höheren praktischen Wert darstellen.

Das Leben im Einklang mit der Natur bezieht sich eher auf den Umstand, dass die ressourcenschonende Lebensweise der Naturvölker niemals eine solche Verheizung von Brennstoffen erzielen könnte, wie sie der moderne und verschwenderische Lebensstandard der Industrienationen erfordert.

Dennoch wird sich das Leben, wie es die Urarina noch kennen, ändern. Der Hunger der Welt nach Rohstoffen wird die Förderung von Öl im Einzugsgebiet des Rio Chambira fortsetzen und die Suche nach edlen Tropenhölzern wird weiter Holzfäller und fahrende Händler anziehen, die den Ureinwohnern Batterien zu Wucherpreisen oder gegen billige Arbeitskraft anbieten, die sie nach alter Sitte Brauch wie allen anderen Müll in den Flüssen verklappen. Dass sie sich damit auf lange Sicht erneut den Fluss vergiften werden und ihre Lebensgrundlage ernsthaft gefährden, ist den mehrheitlich analphabetischen und ungebildeten Urarina sicher nicht bewusst.

Es bleibt zu hoffen, dass die medizinische Versorgung und auch die Erschliessung des Rio Chambira mit der Ausbeutung der Region Schritt halten können, um durch gesellschaftliche Entwicklung wenigstens der Mehrzahl der Urarina ein besseres Leben zu ermöglichen.


Zurück


Weitere News

Jahreshauptversammlung am 10.6.2017 in Bad Kissingen (29.05.2017)
mehr
Ein- und Ausgabenrechnung 2016 / Buchprüfung (25.05.2017)
mehr
Floßfahrt auf dem Chambira (27.03.2017)
mehr