07.05.2011

Erfahrungsbericht Kindergarten

(von Marie Gobrecht)


Bei einem unserer kurzen Aufenthalte in Iquitos besuchten mein Freund Nico und ich das von einer Österreicherin geführte “Mariposario” ‒ ein kleiner Tierpark mit Schmetterlingszucht. Die Begeisterung, die die Besitzerin für ihre Arbeit aufbrachte, steckte uns schnell an, so dass ich beschloss, den Urarinakindern am Chambira den Lebenszyklus dieser interessanten Tierchen näher zu bringen. Ausgestattet mit einem anschaulichen Poster des Morpho patroclus (ein großer, blau leuchtender Schmetterling, den man häufig am Rio Chambira sieht), wollte ich den Kindern beibringen, dass man nicht alle stacheligen, bunten “Würmer” töten muss, da manche von ihnen sich in wunderschöne (und für die Natur nützliche) Schmetterlinge verwandeln. Wieder zurück am Rio Chambira erfuhr ich durch Zufall, dass gerade dieser blaue Schmetterling von den Urarina als Unheilbringer (und wahrscheinlich auch Krankheitsüberträger) angesehen wird und er sich lieber nicht in die Nähe der Urarina trauen sollte (wenn ihm sein Leben lieb ist).

Ein wenig frustriert durch diesen unglücklichen Zufall grübelte ich, ob es überhaupt Sinn ergab, die Lerneinheit mit den Kindern durchzuführen. Ich entschied mich ein wenig trotzig dafür und fühlte mich hinterher stolz und bestätigt, als “meine” Kinder das Wort “oruga” (Raupe) benutzten und auf den Chalupafahrten beim Anblick eines Schmetterlings freudig “mariposa” ausriefen.  

So ähnlich wie in dieser kleinen Geschichte erging es mir viele Male während meiner Arbeit im Kindergarten. Meine Motivation wurde oft gedämpft von der doch sehr anderen Realität und Lebenssichtweise der Urarina/Peruaner. Doch trotz vieler Zweifel lohnte es häufig, sich darauf einzulassen und kleine Schritte zu wagen, um so kleine Erfolge zu erzielen.

Schon die ersten Woche im Kindergarten waren bezeichnend. Motiviert und gut ausgebildet (dank der gerade abgeschlossenen Lehrerausbildung, in der ich nach deutscher Ansicht “professionalisiert” wurde), war ich zu Beginn doch sehr verwundert über diesen Kindergarten, der mir zunächst sehr fremd erschien. Die Kinder wirkten auf mich unnatürlich still und teilnahmslos. Statt spielender Kinder und ausgelassener Stimmung, empfingen mich die neugierigen Blicke großer (zu beginn auch angstvoller) Kinderaugen und eine fast unheimliche Stille. Irgendwie sind die Urarina halt stillere Zeitgenossen... und mit der Zeit tauten die Kinder auch zunehmend auf!

Auch über die Methoden der Lehrerin wunderte ich mich anfangs. Ich empfand sie häufig als nicht altersangemessen und wenig förderlich. So sah ich ungeduldig mit an, wie die kleinen Kinder fast 30 Minuten lang still sitzen mussten, sich konzentrieren sollten und für sie neue und abstrakte Dinge lernen mussten (Zahlvorstellung sind schon für deutsche Kinder in ihrer Muttersprache schwer zu verstehen...). In meinem Kopf erschienen pädagogische Schlagworte wie “häufige Phasenwechsel” und “bewegtes Lernen” (sowas hatte man mir in Deutschland beigebracht). Nur schwer akzeptierte ich im Laufe der Zeit, dass es für die Kinder, wenn es auch nicht immer leicht zu ertragen war, zumindest die beste Vorbereitung auf die Grundschule darstellte und man es alleine aus diesem Grunde nicht groß “anders” machen konnte. Dort würden sie auf Lehrer treffen, die im Gegensatz zu Esther und mir keine pädagogische Ausbildung erhalten haben und strikt “oberlehrermäßig” instruktiv unterrichten würden (ohne altersgerechte Methoden oder gar Bewegungspausen). Ich fand mich also mit der Zeit damit ab, dass das peruanische Schulsystem andere Dinge von Kindern zu lernen verlangte, als das deutsche. Daher brauchten sie auch eine andere (peruanische) Vorbereitung.   

Auch die Zusammenarbeit mit der peruanischen Lehrerin Esther erwies sich einige Male als nicht leicht, wahrscheinlich auch, weil ich sie mit meinen gutgemeinten Ideen und Einfällen ein wenig überforderte. Erst nach einigen Monaten im Kindergarten, in denen ich die Entwicklung der Kinder beobachten konnte,  wurde mir bewusst, wie viel Energie es sie zu Beginn gekostet haben musste,  die Kinder an ein Leben im Kindergarten zu gewöhnen (heute zolle ich ihr meinen größten Respekt dafür!). Auch wenn Esther in ihrer Ausbildung nicht so wie ich darauf getrimmt wurde, die Dinge zu hinterfragen, sondern oft (wie ich finde peruanisch) antwortete “das macht man halt so...”, hatte sie sich an die Bedürfnisse der Kinder angepasst und versuchte ihnen mitzugeben, was sie für die Grundschule brauchen würden. So merkte ich ziemlich bald, dass diese Kinder und ihr Kindergarten mit nichts zu vergleichen waren ‒ also weder mit meinen deutschen Vorstellungen, noch mit  Esthers Arbeitserfahrungen mit peruanischen Stadtkindern. Bisher ist der Kindergarten am Chambira etwas Einmaliges und Unvergleichbares. Im Nachhinein wurde mir erst bewusst, wie spannend es ist, bei diesen ersten Schritten dabei sein zu dürfen.

Nicht nur für mich war es eine neue Erfahrung. Auch für die Urarina-Kinder war eigentlich alles neu. Angefangen vom Toilette benutzen, Zähne putzen, sich auf seinen Platz am Tisch setzen, den ganzen Tag in einer großen Gruppe Kinder verbringen, mit Spielzeug spielen, einen Bleistift benutzen, Papier ausschneiden und aufkleben, seine “Aufgaben” in einer Klarsichtfolie sammeln, der Lehrerin zuhören, der Lehrerin auf Fragen antworten, Zahlen, Schrift, ausgedruckte Bilder, eine Tafel auf die man mit Kreide malen kann ‒ und dann auch noch eine weiße Frau... zum Glück sind Kinder neugierig und lernwillig!

Dass diese Kinder anders waren als mir bekannte Kinder, wurde mir an vielen kleinen Details klar. Setzt man z.B. in Deutschland voraus, dass jedes Kind von sich aus malen kann und will (nach einer ihm zugestandenen “Krickelphase”), so war das bei diesen Kindern anders. Da sie noch nicht viele “Bilder” gesehen hatten und wahrscheinlich auch noch nie einen Menschen malen gesehen hatten, kam es ihnen nicht in den Sinn das eingeninitiativ zu tun (wozu auch?). Erst als ich ihnen kleine Sachen vormalte (eine geometrische Form, ein Haus, ein Kanu, ...) fingen einige an, diese nachzumalen. Nur ganz wenige Kinder malten am Ende von ihnen selbst ausgedachte Bilder. Die meistens beschränkten sich darauf, mit großem Eifer Bilder auszumalen. Bei einem “schulreifen” Kind gehen wir in Deutschland davon aus, dass es mit einem Schreib-/Malgerät umgehen kann und es auch zum “kreativen Selbstausdruck” nutzt. Bisher hatte das kein einziges Urarinakind gebraucht...

Ähnlich erging es mit den vielfältigen Spielsachen, die der Kindergarten anzubieten hat. Oft machte ich den Kindern (widerwillig, denn eigentlich wollte ich sie es ja selbst entdecken lassen...) vor, wie man ein bestimmtes Spielzeug “benutzt”. Dies machten die Kinder dann mit Eifer nach und zeigten mir stolz und bestätigungssuchend ihre Ergebnisse. Erst in der späteren Phase des Schuljahres, als die Kinder mit den Spielsachen “spielen gelernt hatten”, wurden sie mutiger, zweckentfremdeten die Dinge und erfanden ihre eigenen Spiele (aus diversen Materialien wurden Türme gebaut, Kanus erfunden und damit “Rennen” gefahren). Mir wurde, wie so viele weitere Male auch, bewusst,  dass ich im Grunde keine Ahnung hatte, wie diese Kinder außerhalb des Kindergartens lebten! Ich kenne sie nur im Kindergarten und nicht in der anderen Welt, die sie ihr Zuhause nennen. Was und wie spielen die  Kinder zu Hause?  Interessanterweise sind die Kinder, wenn man sie in ihrer Comunidad besucht oder mit ihren Eltern in der Klinik antrifft, wie verwandelt! Dann sind sie wieder die selben schüchternen, stillen Kinder, die sie an meinem ersten Tag waren und trauen sich kein einziges Wort zu sagen.

Nicht nur die Urarinakinder wirken auf mich (und auch auf Esther) anders, auch wir sind ihnen “fremd”. Dass sie einen anderen Erziehungsstil gewohnt sind, bewies uns einmal eindrucksvoll eine anwesende Verwandte, die nach ihrer Behandlung in der Klinik nach dem Geschehen im Kindergarten schaute (wir hatten öfters interessierte Zuschauer). Es herrschte gerade mal wieder die übliche Unruhe, da die Konzentration der Kleinen nach dem vielen Stillsitzen und Lernen, dem Bewegungsdrang wich. Statt wie wir Lehrerinnen mit pädagogischen “Kniffs” oder einzelnen Ermahnungen die Kinder sanft zur Ruhe zur bringen, fing die Urarinadame an, in einem strengen Tonfall und ziemlich laut auf die Kinder einzureden. Ich habe zwar keines ihrer Worte verstanden, aber der Ton war unverwechselbar und die plötzliche Stille unter den Kindern zeigte den von ihr erhofften Erfolg dieser “Lektion”.

Auch viele weitere Male konnte ich beobachten, dass ein Urarinakind am Rio Chambira deutlich anders erzogen wird als wir es in Deutschland gewöhnt sind.  Während deutsche (und peruanische) Eltern ziemlich früh bemüht sind, ihren Sprössslingen die Welt zu erklären und ihre ersten Lernschritte durch viel Aufmerksamkeit und Interesse begleiten, scheinen die Urarina mit einer stoischen Selbstverständlichkeit anzunehmen, dass das Kind es schon von alleine lernen wird. Selten sah ich Urarinaeltern mit ihren Kindern spielen. Meistens waren die Kinder einfach nur dabei, verhielten sich stumm und wurden auch nicht mit viel Aufmerksamkeit bedacht. Dies kam mir alles ziemlich befremdlich vor und ich konnte es häufig nicht verstehen, versuchte es aber trotzdem zu akzeptieren. 

Es fiel mir nicht immer leicht, die Andersartigkeit, die ich erlebte, nicht defizitär zu sehen. Das können die Kinder nicht? Das haben sie zu Hause nie gelernt? Das interessiert die Eltern nicht?  Sie haben es einfach nie gelernt, weil es in ihrem Leben noch nie Sinn ergeben hat (wozu einen Bleistift richtig halten können?). Schuld an dieser Sichtweise ist wohl mein fehlendes Wissen über das Leben der Urarina und  die für mich nicht ersichtlichen Gründe ihres Tun und Handelns. Man muss sich nur mal klar machen, wie fremd wir den Urarina erscheinen. Wahrscheinlich verstehen sie uns oft auch nicht und fragen sich, wieso wir so viele Sachen nicht können (z.B. ein Kanu geschickt steuern...). So sehr wir uns auch bemühen, glaube ich, dass die Urarina es uns auch nicht gestatten werden, alles über sie zu erfahren. Aber eine gegenseitige Annäherung wird es natürlicherweise geben, das ist in vielen kleinen Dingen spürbar. 

Es erscheint mir so ähnlich wie mit dem Schmetterling: auf den ersten Blick scheint es, als träfen kontradiktorische Ansichten aufeinander. Man versucht die andere Sichtweise nachzuempfinden, zu respektieren und ist doch darauf aus, seine eigene Sichtweise mitzuteilen. Am Ende erkennt man, dass nicht alle Urarina den blauen Schmetterling fürchten. Pauschalisierungen führen einen nicht weit – dafür sind die Menschen zu unterschiedlich. Wir können uns (oder unsere Sichtweise) den Urarina nicht aufdrängen, sondern ihnen nur ein Angebot machen, dass jeder Einzelne annehmen oder eben ablehnen kann. 

DiGesangsprobe.flve Zahl der Kinder im Kindergarten lässt schließen, dass vielen Eltern bewusst ist, dass sich das Leben am Rio Chambira verändert. Sie nehmen unser Bildungsangebot im Kindergarten an. Auch wenn sie selber noch ohne viel Schulbildung auskamen, so wird es für ihre Kinder doch ein klarer Vorteil sein, so lange wie möglich zur Schule zu gehen. Die Urarina leben nicht mehr so abgeschieden wie vor einigen Jahren. Viele “fremde” Leute reisen die Flussläufe hoch, kaufen und verkaufen Sachen, suchen nach Erdöl oder verbreiten “das Wort Gottes”. Auch viele Urarina müssen öfter in die größeren Städte reisen um ihre Produkte zu verkaufen oder um Anträge abzugeben, damit sie Krankenversicherung und staatliche Unterstützung erhalten. Spanischkenntnisse, die Befähigung zu Lesen, zu Schreiben und zu Rechnen sind dabei enorm wichtig um autonom und unabhängig zu leben.

Wenn man in einer Bildungseinrichtung arbeitet, kann man nicht darauf hoffen, kurzfristig Erfolge seiner Arbeit zu sehen. Es ist eine Investition in die Zukunft. Erst mit der Zeit wird man erkennen, was die Arbeit gebracht hat. Das schöne an der Arbeit in einem Kindergarten ist allerdings, dass man beobachten kann, wie schnell die Kinder etwas dazulernen und wie sie sich manchmal vom einen auf den anderen Tag verändern. Ich bin voller Hoffnung, dass diese Kinder, die ich im letzten halben Jahr kennen lernen durfe, gute Voraussetzungen haben, um mit den Herausforderungen, die auf sie zukommen werden, fertig zu werden. Denn letztendlich sind es immer Individuen, die die  Gesellschaft, in der sie leben, mitbestimmen und verändern.


(Mehr über den Kindergarten Tucunaré erfahren Sie hier)

Zurück


Weitere News

Jahreshauptversammlung am 10.6.2017 in Bad Kissingen (29.05.2017)
mehr
Ein- und Ausgabenrechnung 2016 / Buchprüfung (25.05.2017)
mehr
Floßfahrt auf dem Chambira (27.03.2017)
mehr