06.08.2012

Vorbereitung auf den Klinikdienst am Chambira – Hospitation in der Gynäkologie und Geburtshilfe des Hospital Iquitos César Garayar García

(von Laura Knauff)

Laura Knauff, Ärztin aus Leverkusen, unterstützt derzeit für 6 Monate das Team der Clinica Tucunaré am Chambira. Als Vorbereitung darauf hat sie zunächst 2 Wochen in der Gynäkologie einer Klinik in Iquitos gearbeitet.
Laura im Kreißsaal
Was habe ich in diesen zwei Wochen gelernt? Zunächst einmal habe ich eine erstaunliche
Gastfreundschaft und Offenheit kennengelernt.  Freimütig und sehr geduldig haben mich Ärtze und Geburtshelfer auch an sehr heikle Dinge herangeführt und mir bereitwillig alles erklärt, auch zwei und dreimal - wenn mein Spanisch mal klemmte.

Das Hospital Iquitos ist ein öffentlich-staatliches Krankenhaus, hierher kommen die, die sich eine teure Privatklinik nicht leisten können, also die breite Mehrheit der Bevölkerung.
Wenn hier eine Schwangere zur Geburt ins Krankenhaus fährt, liegt nichts ferner als Romantik. Die Patientin muss auf Rezept des Arztes die Utensilien ihrer Geburt selber besorgen. Entweder sie läuft dann selber noch einmal los, oder ein im Flur wartender Angehöriger erledigt die Einkäufe für sie: von der Infusionslösung, über das Wehenmittel bis hin zum Garn zur Naht des Dammschnittes oder auch des Kaiserschnitts, alles besorgt die Schwangere wenn möglich als Vorleistung dem Krankenhaus. Später kann die Patientin diese Zahlungen mit der Krankenkasse abrechnen. Weder während der Überwachung bis zur Geburt, noch im Kreißsaal, noch während des anschließenden Krankenhaus- aufenthaltes genießen die Patientinnen eine uns bekannte Privatssphäre. Zu dritt liegen die Patientinnen nebeneinander in den Wehen, werden im Gemeinschaftszimmer überwacht, behandelt und auch vaginal untersucht. Auch im Kreißsaal gebären zwei Frauen nebeneinander. Alles ist für alle hör- und sichtbar. Auch schwer vorstellbar für viele Frauen und sicherlich oft schwer zu ertragen - egal ob Erstgebärende oder mehrfache Mutter, alle Frauen gebären ohne ihre Angehörigen. Dabei sind die Geburtshelfer und die Ärzte engagiert und mit durchschnittlich 10 -15 Geburten am Tag sehr erfahren. 

Das Krankenhaus Iquitos feiert dieses Jahr seinen 67. Geburtstag, die Ausstattung ist gefühlt immer noch dieselbe von damals. Die Betten, die Untersuchungsstühle, die Infusions-ständer, der gammelige, völlig ineffiziente Medika- mentenkühlschrank im Kreißsaal, die OP-Austattung, ja die gesamten Räumlichkeiten zeugen von lange verblasstem Glanz. Ein nettes Beispiel für die Urtümlichkeit: während einer Nachtschicht musste ich eine Patientin in den OP fahren. Vor der Schleuse, wollte ich schnell den OP-Schwestern hallo sagen und musste erstaunt feststellen, dass sie diejenigen sind, die in mühevoller Handarbeit nachts die Tupfer und Kompressen für den täglichen Bedarf schneiden, rollen, falten, verpacken...Mit den wenigen Mitteln die zur Verfügung stehen wird ein vorsichtiger Umgang gepflegt. Wurde die Flexüle mal nicht richtig platziert, wird nicht gleich eine nächste ausgepackt, sondern zunächst einmal ausgespült und wiederverwendet. Dabei mangelt es nicht an Geld. Dem Distrikt Loreto, in dem Iquitos liegt, steht Geld zur Verfügung. Nur hapert es an der Verteilung bzw. an der praktischen Investition. So wurden dem Land Peru wohl im vergangenen Jahr sogar Gelder zurückgezahlt, die nicht ausgegeben wurden. Gerade bei den Ärzten spüre ich ein großes Unbehagen als sie mir zum Beispiel ihre OP-Räume zeigen. Immer wieder entschuldigen sie das „rustikale Ambiente“ und sind sich sicher „das bei uns bestimmt alles viel professioneller“ ist. Mir ist das sehr unangenehm, bin ich doch diejenige, die gerade von ihrem Wissen profitiert und immer wieder versichere ich, dass ich keinen grundlegenden Unterschied in der Medizin feststellen kann, die aber hier leider an den Umständen hapert.

Trotz allem: ich habe hier viel gelernt. Sicher wurde ich an meine erste Entbindung herangeführt, weitere folgten, die ich selbständig abwickeln durfte. Mir wurde gezeigt, wie man die wichtigsten Komplikationen im Wochenbett zu verhüten versucht, und auch wie man diese handhabt, wenn sie dann doch eintreten.  Da ich ärztliche Kollegin bin, durfte ich bei Kaiserschnitten assistieren. Auch das Ultraschallgerät wurde mir sehr gerne aus der Hand genommen und ausprobiert, und immerhin konnte ich mir ein paar grundlegende Einstellungen der gynäkologischen Sonografie abgucken.

Bei allem überrascht mich immer wieder diese Bereitwilligkeit zur Lehre. Nicht nur, dass sie mir, einer doch holprig – spanisch sprechenden Ausländerin, von der sie wirklich kaum etwas wissen, außer dass ich einen Arztausweis besitze  - ohne Zurückhaltung oder Skepsis an alles heranlassen und ich schnell in die alltäglichen Abläufe integriert werde. Auch dass es hier völlig selbstverständlich ist, dass sich die Älteren in freien Minuten mit den jüngeren Hebammen und Ärzten hinsetzen und Fälle durchsprechen, Probleme diskutieren; dass Wissen abgefragt und gefordert, aber auch bereitwillig weitergegeben wird.

Nach einer sehr positiven Erfahrung werde ich von Louise in Iquitos abgeholt und zusammen fahren wir an die Klinik am Chambira. Ich bedanke mich beim Hospital Iquitos und freue mich auf alles was noch kommt. 

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