12.02.2013

Ein Besuch in der großen Stadt...

von Dr. Laura Knauff


Dr. Laura Knauff (ganz links im Bild), ultraschallkundige Ärztin aus Leverkusen, hat bis Ende letzten Jahres an der Klinik am Chambira mitgeholfen und berichtet unter anderem vom nicht alltäglichen Besuch einer jungen Urarina in der Amazonasmetropole Iquitos.

Ende September 2012 fahre ich mit Eucleder, unserem Tecnico, Elsa, unserer  Hilfe, Ramon, unserem Motoristen, und Adriana, einer 8 jährigen Patientin, nach Iquitos. Eu und Elsa möchten sich in den Labortechniken weiterbilden, Eu in der TBC Diagnostik und Elsa beginnt eine Schulung zur Malariadiagnostik. Meine Aufgabe ist es, Elsa bei ihren ersten Schritten in der Stadt zu unterstützen, während ich selbst an einem Kurs teilnehmen möchte, der jährlich für die „Serumistas“,  die jungen Mediziner nach Abschluss der Universität, ausgerichtet wird. Er ist Vorbereitung auf ihr Pflichtjahr  in einem Außenposten auf dem Land.

Die kleine Adriana ist einen Tag vor Abreise dazu gestoßen. Über ihrem Nabel bricht ein unbekannter Tumor aus der Bauchdecke, der dort seit ca. einem Jahr gewachsen ist.  Bisher waren alle Versuche, die Patientin nach Iquitos zu bringen, gescheitert,
jetzt hat sich ihr Patenonkel  Antonio dazu bereit erklärt, sie zu begleiten.  Am Samstag den 30.9.11 kommen wir in Iquitos an. Ich bringe Adriana noch am gleichen Nachmittag in die Klinik. Aber ihre Aufnahme ist schwierig, da sie nicht versichert ist. Sie hat keinen DNI, keinen Personalausweis, mit dem jeder Peruaner Zugang zur Pflichtversicherung hat. Zunächst wird sie als Notfall aufgenommen, ein bürokratischer Kniff, denn in Lebensgefahr befindet sie sich nicht.  Außerdem haben wir Pech, es ist gerade Ärztestreik, nur (echte) Notfälle werden behandelt. Aber immerhin ist gerade ein Kinderchirurg zur Hospitation im Krankenhaus Regional, sonst hätte man uns mit diesem speziellen Fall nach Lima weiter verwiesen. Routinemäßig wird auch ein dicker Tropfen abgenommen, obwohl sie keine Symptome der Malaria zeigt. Überraschenderweise ist er positiv, so dass sich die Behandlung ihres Tumors noch verzögert.  Mitte der Woche wird Adriana nach den Voruntersuchungen aus dem Krankenhaus entlassen. Alle haben Verständnis, dass das Kind nicht bis Ende des Streiks auf die OP warten kann. Zuletzt lernen wir einen Anästhesisten kennen, der sich genau wie der Kinderchirurg bereit erklärt, trotz des Streiks für Adriana eine Ausnahme zu machen - nach Ende der Malariatherapie. Wir verbringen eine lange Woche wartend, zudem ist am Montag dem 10.10.11 ein Feiertag, verlängertes Wochenende also. Dienstag aber wird Adriana wieder aufgenommen. Am nächsten Tag Mittwoch wird sie operiert. Sie übersteht alles sehr gut und erholt sich schnell.

Die Dignität ihres Tumors erfahren wir erst eine Woche später, es ist laut Pathologie ein Hepatoblastom, ein bösartiger Tumor der Leber.


Mein Kurs fällt wegen des Streiks leider aus. Aber auch so wird mir die Zeit nicht lang. Meine Kollegin Louise war zwar erst vor ein paar Wochen zum Großeinkauf in Iquitos, aber wieder ist so einiges angefallen, das besorgt werden will. Die Malariamedikamente müssen beantragt und abgeholt werden. Die Impfungen für die nächsten Brigadas ebenfalls. Was sich einfach anhört,  bedeutet insgesamt drei Behördengänge für die Malariamedikamente und fünf bis wir schließlich die Impfungen abholen können.  Außerdem besorgen wir das Mittel für die Besprühung der Häuser für die nächste „Brigada“ und so dies und das, das täglich an Bestellungen per Email hereinkommt.  Ein weiteres Projekt ist der Kauf von weiteren zehn Meerschweinchen und fünfzehn Obstbäumen. Mandarine, Orange, Avocado und Limone sollen es werden.  Außerdem klappern Paulina und ich verschiedene Organisationen ab, um Lehrvideos zu erstehen, die während den Brigadas abends in den Dörfern gezeigt werden sollen. Wir kaufen einige zum Thema Fischfang und nachhaltige Ernte der „Aguaje“, einer sehr beliebten Frucht in Peru. Hier soll zum Beispiel gezeigt werden, dass es möglich ist, die Frucht zu ernten, ohne den ganzen Baum zu fällen, wie es bisher auch am Chambira üblich ist.


Privat verbringen wir viel Zeit mit Staunen. Die jungen Urarinas Elsa und Adriana waren beide noch nie in der Stadt. Sie müssen erstmal gezeigt bekommen, wie man eine Straße überquert, wie man duscht,  wie ein Aufzug funktioniert, und dass hohe Häuser nicht einfach so umfallen. Wir essen zusammen Eis und andere neue Speisen. Gar nicht so einfach, sich an eine komplett andere Kost zu gewöhnen. Am liebsten ist ihnen weiterhin Fisch. Salat oder auch Pizza schmecken Elsa überhaupt nicht. Riesig freuen sich Elsa und Adriana beim Beobachten von Straßenarbeiten. Die Arbeiter sind so viel Interesse am Kanalbau nicht gewohnt, erklären aber bereitwillig und sehr ausführlich, was und wofür sie das alles machen. 

Elsa findet sich nach einem harten Anfang im Labor schnell ein und hat Spaß an der Arbeit. Nach den zwei Wochen hat sie aber auch wieder Heimweh, und möchte schnell zurück zu ihren Kindern.  Am Samstag, den 17. Oktober schiffen wir uns also wieder auf der Lancha ein. Auch Adriana wurde mittlerweile wieder entlassen. Ihre Wunde will sie lieber in der Klink am Chambira auskurieren und auch Antonio, ihr Onkel, muss zurück. Er hat Familie und Feld zurückgelassen und muss viel Arbeit aufholen. 

Am Montag, den 19. Oktober treffen wir wieder in der Klinik ein. Am nächsten Tag bringen wir die Obstbäume nach Pijuayal und erklären in einer Versammlung, wie sie gepflegt werden sollen, denn noch sind die Bäume klein und werden neun Monate bis zur ersten Frucht brauchen. Außerdem verteilen wir den Maschendraht und die Nägel, damit sich die zukünftigen Besitzer  der Meerschweinchen ihre Käfige bauen können. Solange werden wir sie an der Klinik in Obhut behalten.
Am 26.10. machen wir uns auf zur Brigada „Alto Chambira“. Nach 3 Stunden flussauf im Dorf „28 de Julio“ werden wir angehalten:  ein Patient mit einem Schlangenbiss liegt seit 4 Tagen unversorgt in seinem Haus.  Der Fuß und das ganze Bein sind stark angeschwollen, die Haut steht unter einem enormen Druck und auch die Wunde am Fuß hat sich infiziert. Anfänglich habe er auch aus dem Mund und der Nase geblutet, eine Reaktion auf das Gift
der Schlange.

Wir behandeln ihn unter anderem mit dem Gegengift und beschließen,  nachdem wir per Sattelitentelefon die Klinik leider nicht erreichen können, den Abbruch der Brigada, um den Patienten einzuliefern. Schon auf der Rückfahrt sehe ich, dass das Gegengift gut wirkt und dass wir vermutlich auch hätten weiterfahren können, aber  mir fehlte die Erfahrung, die Situation besser einzuschätzen. Ich wollte sicher gehen, dass der Patient gut versorgt wird.

Am nächsten Tag startet die Mannschaft erneut zur Brigada „Alto Chambira“. Nach der Atención in Copal fahren wir am 29.10. weiter nach Buena Vista. Hier treffen wir nach einer kurzen Sprechstunde auf einen weiteren  Patienten mit Schlangenbiss. Er trägt noch in aller Ruhe seine Bananen vom Feld auf sein Kanu, dann lässt er sich von uns behandeln. Der Biss ist frisch, von der Jergon, einer sehr giftigen Schlange.  Noch geht es ihm bis auf eine deutliche Schwellung und starke Schmerzen ganz gut. Auch hier  entschließen wir uns nach 2h Beobachtungszeit, das Gegengift zu geben, denn wir werden weiterfahren, und können den Patienten so nicht weiter überwachen. Falls also im Verlauf der nächsten Stunden doch Komplikationen eintreten, können wir nicht eingreifen. Da die anderen Urarina im Dorf sich vor dem „bösen Blick“ fürchten, ist das Gemeindehaus schlagartig leer. Denn nach ihrem Glauben darf man einem Bissopfer nicht zu Nahe kommen, sonst wird man ebenfalls von der Schlange verfolgt und gebissen. Nachmittags fahren wir weiter nach Nueva Pucuna und beginnen  dort die Behandlung der Patienten, die wir am nächsten Morgen abschließen. 

Am Nachmittag des 30.10. erreichen wir St. Silvia, eine Gemeinde, die sich nicht gerne bei den Sprechzeiten zeigt. Wir steigen aus und reden mit dem Promotor, der uns ohne Umschweife mitteilt, er glaube nicht, dass wir hier heute viel erreichen, die Gemeinde feiere und alle seien betrunken.  Wir fordern also auf, dass einfach die kommen, die können, und bauen ohne viel Hoffnung unsere Gerätschaften auf. Nach einer halben Stunde kommen überraschend viele doch zur Behandlung, am Ende sind es über 40 Patienten,  bei der letzten Brigada – nüchtern – kam keiner.

Wir übernachten in St. Silvia und fahren am nächsten Tag die Häuser und Dorfgemeinschaften ab, die zu Siamba gehören. Wir sehen an diesem Tag mehr als hundert Patienten, um sie zu impfen und ihnen ihr Wurmmittel zu geben. 

Am 1.11. fahren wir durch Bufeo und halten auch Sprechstunde in St. Cruz. Hier treffen wir wieder auf eine Schwangere mit vorzeitigen Wehen, die sich mittlerweile gelegt haben. Der Mutter geht es relativ gut, dem Kind ebenfalls, hier erweist sich das mitgebrachte Schallgerät wie bei den Routineuntersuchungen wieder als Stütze. Wir kommen spät an der Klinik an, das Eis für die Kühlung der wertvollen Seren war gefährlich geschmolzen, aber zum Glück können die Impfungen in den Kühlschrank gerettet werden. Insgesamt war es eine ruhige, aber dennoch erfolgreiche Brigada.

So bricht der November an, mal sehen, was passiert. Die kleine Adriana soll weiter beobachtet werden, denn sie zu einer Chemotherapie nach Lima zu bringen ist schlicht unmöglich.

 

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