17.02.2013

Abschlussbericht Praktikum Clinica Tucunaré (Mai-August 2012)

von Mattia Müller 


Mattia Müller kommt aus Zürich und war am Chambira als Medizinstudent im Praktischen Jahr. Von Anfang Mai bis August half er für 3 Monate unserem Team am Rio Chambira.


Anreise und erste Eindrücke

Nach einer aufgrund der außergewöhnlichen Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit von Peruvian Airlines etwas komplizierten Anreise nach Iquitos, hatte ich es am 13. Mai endlich geschafft in die größte Stadt der Welt, die nicht mit dem Auto erreichbar ist. Mit dem Mototaxi ging es vom Flughafen weiter zum Sitz der FAAN[1] in Iquitos. Neben mir im Taxi ein peruanischer Professor für Umweltwissenschaften der hiesigen Uni. Iquitos habe eigentlich nichts mit dem Rest Perus zu tun, meint er. Hier seien sie eher wie Thailänder als wie Südamerikaner. Nach ein paar Sätzen Small-Talk „Woher? Ah, Schweiz! Ich kenne Genf... Umweltkongress“ war das Gesprächspulver schon verschossen. Da Peruaner aber nichts mehr fürchten als peinliches Anschweigen, worin wir Schweizer ja von Geburt an stoisch geübt sind, fasste der Professor zwangsweise ein weiteres Gesprächsthema ins Auge. Da viele peruanische Männer vor allem gerne über zwei Dinge sprechen, südamerikanische Balladen und südamerikanische Frauen, war das Thema schnell gefunden. Ich müsse mich als Gringo vor den Frauen in Acht nehmen, dozierte er. Man mische hier den Fremden gerne mal Gamma-Hydroxybuttersäure, bei uns in Europa eher als K.O-Tropfen bekannt, ins Getränk. Das Ausrauben werde dadurch erheblich erleichtert. „Wo bin ich den hier gelandet“, dachte ich mir und war froh als das Taxi schon bald zum Stillstand kam, und ich von weiteren Räubergeschichten verschont blieb.

In der „Casa de la FAAN“ angekommen, lernte ich erstmals das Team Dr. Louise Rech mit Freund Michi Malkus und die langjährige Pflegerin, FAAN-Koordinatorin und Zahnmedizinstudentin Paulina Yance Cardenas kennen. Am nächsten Tag kam noch die holländische Ärztin Rozanne de Groot dazu. Vorbereitungen wurden getroffen, Benzin gekauft, Essen für die nächsten 2 Monate besorgt und Einkäufe für die Mitarbeiter und deren Kinder erledigt. Zudem wurden kistenweise Medikamente und sonstiges Material organisiert, das man in der Klinik benötigte. Rozanne und ich besuchten noch für einige Tage das Labor des Hospital Iquitos, um uns gewisse Basiskenntnisse im Umgang mit lichtmikroskopischer Malariadiagnostik anzueignen, und schon bald ging es auf Richtung Clinica Tucunaré. Nach 26 Bootsstunden auf der Lancha[2], einigen Stunden organisatorischen Aufenthalts in Ollanta und 8 Stunden Fahrt mit einem Motorboot den Rio Chambira hoch, kamen wir endlich in der Klinik an. Der erste Eindruck von der Klinik war überwältigend. Doch es blieb uns nur wenig Zeit, die Idylle des kleinen Klinikdorfes inmitten des Urwaldes zu genießen. Nach einer kurzen Vorstellungsrunde mit den weiteren Mitarbeitern der Klinik, den Pflegern Ines und Euclider, der Übersetzerin Elsa, sowie den vier Motoristas Ramon, Grimaldo, Esteban und Mamerto, wartete schon die Arbeit auf uns.


Arbeit an der Klinik

Da die Registrierbehörden des peruanischen Einwohneramtes (RENIEC) von Iquitos sowie von Maypuco gleichzeitig mit uns für die erste gemeinsame Personalausweiskampagne an den Chambira gekommen sind, herrscht bei unserer Ankunft auf dem Klinikgelände bereits Hochbetrieb. Während Louise mit der logistischen Organisation der Aktion „Perso“ beschäftigt ist, kümmern Rozanna und ich uns um die hospitalisierten Patienten. Ein Mann ist am Vortag mit rechtsseitigen Unterbauchschmerzen, Druckdolenzen und Abwehrspannung in die Klinik gekommen. Es könnte ein Musterbeispiel für die Symptomatik einer Appendizitis sein, wäre da nicht noch der blutige Durchfall, der den Patienten seit einigen Tagen plagt. Soll man ihn nun zur Operation nach Iquitos evakuieren? Oder wären die 15 Fahrtstunden mit dem Motorboot umsonst, da man eine allfällige parasitäre/bakterielle Darmerkrankung auch gut in der Klinik behandeln könnte? Was, wenn es doch ein Blinddarm ist und der platzt? Dann hätten wir 15 Fahrtstunden nicht mit einem schmerzleidenden Patienten, sondern mit einem Patienten im Schockzustand... Fragen über Fragen, Entscheidungen über Entscheidungen und das nur wenige Stunden nach unserer Ankunft. Nach einer ausgiebigen klinischen Untersuchung und Rücksprache mit Louise einigen wir uns, dass eine parasitäre Erkrankung wahrscheinlicher ist und beschließen, den Patienten antibiotisch/antiparasitär zu behandeln. Im Nachhinein wird sich dies als die richtige Entscheidung erweisen.

In den nächsten Wochen bleibt das Klinikleben konstant bewegt, das ganze Personal permanent eingespannt. Die RENIECs müssen auf ihrer Reise durch die Dörfer begleitet werden, Brigadas an den Alto Chambira und Patuyacu werden gemacht, und natürlich müssen die tagtäglichen Sprechstunden an der Klinik abgehalten sowie die stationären Patienten gepflegt werden. Langeweile ist ein Fremdwort in Tucunaré.

Lungenentzündungen, Durchfallerkrankungen und unterernährte Kleinkinder sind die Befunde, die unseren Alltag dominieren.

Besonders prägen sich mir vor allem zwei Fälle dieser Zeit ein. Beim ersten handelte es sich um ein 11 Monate altes Kind, welches mit einer schweren Wurmerkrankung über eine Woche bei uns in der Klinik war. Die vorhandenen Medikamente wollten keine Wirkung zeigen, woraufhin die Eltern beschlossen, einen Schamanen aufzusuchen. Das Kind verstarb einen Tag nach der traditionellen Zeremonie.

Doch zum Glück sollte es der einzige Todesfall bleiben in meinem über 3monatigen Praktikum bleiben. Beim zweiten Fall ging es um ein 1-Monat altes Kind, dessen verzweifelte Mutter uns am Abend in der Klinik aufsuchte. Bei Ankunft zeigt das Kind eine ausgeprägte Tachypnoe und eine zentrale Zyanose. Es wird im Verlauf zunehmend lethargischer. Eine Stunde nach Ankunft atmet es mit einer Schnappatmung und einer Atemfrequenz von 4-5 Atemzügen pro Minute. Die Rasselgeräusche auf der Lunge sowie die Nasenflügelatmung und die Rippeneinzüge lassen eine schwere Pneumonie vermuten. Die folgende, turbulente und schlaflose Nacht mit manueller Ambubeutel-Beatmung und antibiotischer Behandlung wird mir noch lange in Erinnerung bleiben. Nach einer Woche kann das Kind wieder bei befriedigender Gesundheit nach Hause entlassen werden.

Der nachfolgende Monat Juli fiel etwas ruhiger aus als die vorangegangenen. Dr. Bernhard Rappert kommt auf Supervision und Frau Dr. Anna,  Neonatologin aus Lima, unterstützt uns mit ihrer Berufserfahrung in der Klinik. Das Wetter wird zunehmend schöner und die Patienten, welche die Klinik aufsuchen, immer weniger. So können gut alle Vorbereitungen für die anstehende zweite Perso-Aktion sowie die Brigadas im August geplant werden.

Zudem bekommen wir Verstärkung durch Dr. Laura Knauff, die auch gleich das neue, gespendete Ultraschallgerät bringt. Ein technischer Quantensprung am Chambira.


Brigadas

Der August wird wieder turbulenter. Zwar suchen immer noch wenige Patienten die Klinik auf, aber unsere Zeit wird zur Genüge in Anspruch genommen von Brigadas und den RENIECs. Anfangs August gehe ich mit Laura und Eu auf die Brigada am „Alto Chambira“. 12 Dörfer sollen in einer Woche besucht werden. In jedem Dorf werden alle Leute untersucht, geimpft und Krankheiten behandelt. Für mich waren die Brigadas immer ein fantastisches Erlebnis. Neben der fundamentalen Arbeit im Gesundheitsbereich war es auch immer wieder spannend, eine Woche in die Kultur der Dörfer einzutauchen und Lebensstil sowie Gewohnheiten der Urarinas hautnah mitzuerleben.


RENIEC und Heimreise

Mitte August ist auch schon bald die Zeit für mich gekommen, von der Klinik Abschied zu nehmen. Da die RENIEC noch einige Dörfer am Patuyacu besucht, dem Seitenfluss am unteren Flusslauf des Chambiras, und darauf gleich nach Iquitos zurückfährt, ist es für mich die beste Gelegenheit, um mich selbst auf den Nachhauseweg zu begeben, ohne eine Extrafahrt mit zusätzlich anfallenden Benzinkosten für die Klinik zu verursachen. Daher breche ich, ein Bisschen schwermütig, am 19. August mit Orlando und Jaiber von der RENIEC auf. Wir verteilen die beim letzten Mal angeforderten Identitätskarten in Sta. Carmela, registrieren die Bewohner von San Fernando und übernachten daraufhin in Sta. Teresa am Patoyacu. Die geplante Weiterfahrt in die oberen Dörfer des Patoyacu wird uns leider aufgrund des tiefen Wasserstandes verwehrt und so verharren wir einige Tage in Sta. Teresa in der Hoffnung, dass einige der Bewohner den Weg zu uns per Kanu bewältigen können. Meine Aufgabe in Sta. Teresa ist vor allem, zwischen den beiden Parteien, RENIEC aus Iquitos und den Urarina vom Chambira, zu vermitteln. Die unterschiedlichen Sitten und Gebräuche der beiden Welten, die aufeinander prallen, führen nicht selten zu Missverständnissen. Die Mitarbeiter der gut am Chambira etablierten Klinik fungieren in solchen Situationen als Mittelsmänner, da sie als einzige das Vertrauen beider genießen. Diese Rolle ist aber nicht immer leicht zu ertragen. Vor allem die überhebliche und teilweise schon rassistische Art, mit der die Städter den ihrer Ansicht nach „unzivilisierten Nativos“ gegenüber treten, führen bei mir nicht selten zu Unverständnis.

Da wir nicht alle Dörfer besuchen können, kommen wir schnell voran und sind nach 4 Tagen bereits in Ollanta. Nun haben wir aber knapp die Lancha nach Iquitos verpasst. Zu allem Überfluss fällt diese am nächsten Tag auch noch aus und so sind wir für zwei weitere Tage an der Stelle gestrandet, wo die traditionelle kleine Welt des Rio Chambira auf die große, bereits technisierte Gesellschaft trifft. Zu meiner Freude findet im nächstgelegenen Dorf das „Programo Junto“ statt, ein staatliches Sozialprogramm zur Unterstützung der ärmeren Gegenden. Aus diesem Grund hat sich der halbe Chambira nach Ollanta begeben, und ich treffe in diesen zwei Tagen etliche Urarinas, die ich im Laufe der vorangegangenen Monate kennengelernt habe, für ein letztes Aufwiedersehen.

Rückblickend war mein Praktikum am Rio Chambira das beste, was ich in meinem Praktikumsjahr machen konnte. Einerseits konnte ich durch die Arbeit einiges an klinischen Fertigkeiten erlernen, die bei Ausbildungsstellen in „westlichen“ Spitälern aufgrund der technischen Errungenschaften oft vernachlässigt werden. Anderseits hatte ich auch wirklich das Gefühl, einen kleinen Teil zur Arbeit in der Klinik beigetragen zu haben.


[1] FAAN = Spanischer Name des Freundeskreis Indianerhilfe e.V.

[2] Lancha = Amazonasflussdampfer

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